Der Begriff “GATS” löst bei vielen Ärzten, Krankenschwestern und Pflegern blankes Entsetzen aus, Erkrankten treibt er buchstäblich den Schaum vor den Mund – die Frage ist warum?
Durch eine Privatisierung des Gesundheitssektors fürchten viele Betroffene folgende Punkte:
- Hohe Qualität, Zugang für alle und eine solidarische Finanzierung – Charakteristika einer medizinische Versorgung durch die öffentliche Hand weichen einer Philosophie der puren Gewinnmaximierung
- Privatwirtschaftlich geführte Krankenhäuser treten in direkte Konkurrenz mit öffentlichen Krankenhäusern und nehmen ihnen finanzkräftige Patienten ab, die solidarische Finanzierung wird zerstört
- Durch die Konzentration auf gewinnträchtige Segmente und finanzstarke Kunden kommt es zu einer Überversorgung für diese und zu einer Unterversorgung bei alten, armen und krankheitsgefährdeten Menschen.
- Die defizitären Bereiche der Gesundheitsversorgung wie Ausbildung des Personals, der Versorgung der sozial Schwächeren und die Notfallambulanz verbleiben bei öffentlichen Einrichtungen und werden somit vom Steuerzahler finanziert, während sich Wohlhabendere aus der innergesellschaftlichen Solidarität verabschieden können.
Das prominenteste und beliebteste Argument gegen die voranschreitende Privatisierung des Gesundheitssektors stellt das Schreckgespenst von den “amerikanischen Verhältnissen” dar.
Was nun ist darunter genau zu verstehen?
45,8 Millionen Menschen verfügten 2006 laut der FAZ [1] über keine Krankenversicherung. Obwohl das Pro-Kopf-Einkommen der USA aktuell bei etwa 45.000 US$ international auf dem 10. Platz liegt und nur von Staaten mit weniger als 10 Millionen Einwohner überboten wird[2], sind die Ausgaben für Medikamente doppelt so hoch wie in den Staaten der EU.
Folgende Graphik zeigt die Ausgaben der Amerikaner für Arzneimittel:
Eine allgemeine, öffentliche Krankenversicherung besteht nicht. Trotz des enormen Wohlstands in den USA sind Millionen Menschen nicht oder aus Kostengründen unterversichert. Die Aufteilung in Arm und Reich zeigt sich durch deutlich höhere Morbiditäts- und Mortalitätsraten bei sozial Schwachen. Ein besonders krasses Beispiel geschah letzte Woche, als eine Frau im Wartezimmer eines Krankenhauses unter den Augen anderer Patienten und eines Arztes zu Boden sackte und verstarb. [3]
Was denkt Ihr, sollte Gesundheitssektor ausschließlich in öffentlicher Hand bleiben oder schrittweise stärker privatisiert werden?
Quellen:
Fritz, Thomas& Scherrer, Christoph: GATS: zu wessen Diensten? – öffentliche Aufgaben unter Globalisierungsdruck, VSA Verlag, Hamburg, 2002
http://www.faz.net/s/Rub0E9EEF84AC1E4A389A8DC6C23161FE44/Doc~E40B5B28E5C5640C4B07B3093F6791C18~ATpl~Ecommon~SMed.html
http://www.faz.net/s/Rub0E9EEF84AC1E4A389A8DC6C23161FE44/Doc~E40B5B28E5C5640C4B07B3093F6791C18~ATpl~Ecommon~Scontent.html
http://www.stoppgats.at/0200/0201.php?kategorie_id=24&artikel_id=293
https://www.cia.gov/library/publications/the-world-factbook/rankorder/2004rank.html
http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,563349,00.html
2 Antworten bis hierher ↓
tressdorfer // Juli 7, 2008 um 11:59 |
“Privatisierung im Gesundheitswesen gefährdet die Qualität der medizinischen Versorgung für ärmere Bevölkerungsschichten” – diese These mag schon allein deshalb nicht überzeugen, weil gerade die Bundesrepublik Deutschland durchaus ein Nebeneinander von staatlichen und privaten Anbietern im Gesundheitswesen kennt. Der Staat kann also durchaus private Anbieter (inkl. private Krankenversicherungen) zulassen und dennoch eine angemessene Versorgung der ärmeren Bevölkerungsgruppen sicherstellen: z.B. über ein steuerfinanziertes Gesundheitssystem, Ausgleichszahlungen zwischen privaten und öffentlichen Versicherungssystemen, Pflichtaufgaben für private Anbieter etc.
Problematisch kann dieses Nebeneinander von öffentlichen und privaten Anbietern dann werden, wenn Wettbewerbsregeln die öffentliche Hand verpflichten, bei Lizenzen und Zuschüssen öffentliche und private Träger in transparenter Manier gleichwertig zu behandeln. Konflikte zwischen “Dienstleistungen von allgemeinem Interesse” (z.B. Gesundheitswesen, soziale Dienste, öffentlicher Nahverkehr) und Wettbewerbsregeln zeigen sich aktuell im Recht der Europäischen Union, werden sich aber auch bei einr Liberalisierung des Dienstleistugnsverkehrs im Rahmen des GATS stellen.
tressdorfer // Juli 8, 2008 um 12:15 |
Wie messen wir Wohlstand und Lebensqualität im internationalen Vergleich?
Als eine Referenz verweist der Beitrag auf das “CIA-Factbook”, das ein Ranking aller Länder nach ihrem jeweiligen Pro-Kopf-Einkommen (d.h. Bruttosozialprodukt im Verhältnis zur Einwohnerzahl) präsentiert. Im entwicklungspolitischen Schrifttum wird dies als extrem grober und unzuverlässiger Indikator angesehen, weil er einerseits nicht die Einkommensverteilung innerhalb der Länder berücksichtigt und andererseits eine Korrelation zwischen Einkommen und Lebensqualität suggeriert. Als angemessenerer Gradmesser für die Lebensqualität von Menschen wird in der Entwicklungspolitik vorzugsweise auf den “Human Development Index” des United Nations Development Program (UNDP) verwiesen, der ein Bündel von Indikatoren zur Ernährungslage, Bildung, Gesundheit etc. umfaßt. Als Beispiel nehme man Kuba, was beim Pro-Kopf-Einkommen der CIA-Statistik auf Rang 146 landet, nach dem Human Development Index jedoch auf Rang 50 kommt! Näheres zum Human Development Index:
http://hdr.undp.org/en/humandev/
http://hdr.undp.org/en/statistics/